Postkolonialismus und Freiwilligenarbeit Teil I: Viel diskutiert, aber selten erklärt

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Postkolonialismus und Voluntourismus

„Postkolonialismus", ein sperriger Begriff: Freiwilligenarbeit steht immer wieder in der Kritik, postkoloniale Strukturen aufrechtzuhalten oder sogar zu fördern. Wir gehen der Frage nach: Was hat Postkolonialismus mit RGV und mit dir als Freiwillige/r zu tun?

Den Anbietern von Freiwilligenarbeit im Ausland wird oft vorgeworfen, sie würden postkoloniale Machtverhältnisse aufrechterhalten oder durch ihr Wirken vor Ort sogar eine Form des Neokolonialismus etablieren. Wir sehen das anders: Verantwortungsvolles Volunteering kann zu einem Abbau postkolonialer Denkweisen beitragen, sofern das notwendige Bewusstsein für diese sensible Thematik geschaffen wird. In diesem Beitrag erfährst du, was Postkolonialismus ist, was das Thema mit dir zu tun hat und was RGV unternimmt, um postkolonialen Denkweisen entgegenzuwirken.

Was ist Kolonialismus?

Kolonialismus meint die gewaltsame Besetzung von fremden Gebieten. Mit der Besetzung fremder Gebiete in Afrika, Südamerika und Asien gelangten die europäischen Kolonialmächte an Rohstoffe wie Gold oder Gewürze und verhalfen ihrer eigenen Wirtschaft zu einem entscheidenden Aufschwung.

Dadurch zerstörten sie aber oft die lokalen Wirtschaftssysteme und verdrängten kulturelle Traditionen, Wissen und Bildungssysteme. Gerechtfertigt wurde die Besetzung häufig mit einer rassistischen Abwertung der lokalen Bevölkerung als „unzivilisiert“ oder „unfähig“, sich selbst zu verwalten. Die Kolonialmächte sahen ihre eigene Kultur als höher entwickelt und überlegen an.

Was ist Postkolonialismus?

Postkolonialismus beschreibt die Zeit nach dem Kolonialismus und die Auflösung kolonialer Strukturen. Die Postkolonialismus-Theorie geht allerdings davon aus, dass Elemente des Kolonialismus weiterhin existieren. Auch nach dessen Ende Anfang der 1960er Jahre bestehen Denkweisen von Dominanz und Unterdrückung sowie strukturelle Abhängigkeiten immer noch fort. Dabei wird die Welt als eine betrachtet, in der es eine „bessere“ und eine „schlechtere“ Hälfte gibt. Genau diese Abstufung gilt es aufzubrechen!

Fast alle unsere Zielländer haben eine koloniale Vergangenheit. So wurde zum Beispiel Ghana ehemals von deutschen, englischen und französischen Kolonien besetzt und auch Namibia war in der Vergangenheit eine deutsche Kolonie. Vor Ort kannst du feststellen: Die koloniale Vergangenheit macht sich auf unterschiedliche Weise bis heute bemerkbar.

Was tun wir von RGV, um postkoloniale Denkweisen abzubauen?

Wir versuchen, postkolonialen Denkweisen und Strukturen entgegenzuwirken, indem wir uns bewusst mit dieser Problematik auseinandersetzen und auch unsere Freiwilligen dazu ermutigen. Basierend auf der Arbeit unserer Teams vor Ort, bieten wir verantwortungsvolle Freiwilligenarbeit und Auslandspraktika in Afrika und Asien an. Unser Ziel ist es dabei nicht, den Menschen unsere westlichen Werte aufzuzwingen, ihnen zu zeigen „wie es richtig geht“ oder Abhängigkeiten zu fördern, sondern gleichberechtigt zusammenzuarbeiten. Dabei sind wir auf mehreren Ebenen aktiv:

  • Wir fördern den gegenseitigen fachlichen und interkulturellen Austausch. Davon können die Menschen in deinem Zielland profitieren, aber auch du! Eine fremde Lebensweise kennenzulernen, trägt zur Vermeidung interkultureller Missverständnisse bei und zu einem tieferen Einblick in globale Zusammenhänge – deine eigene Position mit eingeschlossen.

  • Wir haben Standards für soziale Verantwortung entwickelt, an die wir uns halten und die auch für dich als Freiwillige/r gelten. So können wir das Wohl aller Beteiligten und eine sinnvolle und nachhaltige Projektarbeit gewährleisten.

  • Wir arbeiten auf Augenhöhe mit den RGV Teams vor Ort und den Gastfamilien zusammen. Dabei unterstützen wir bereits bestehende Einrichtungen und Projekte, in denen zusätzliche Hilfe benötigt wird und orientieren uns an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort. Die Projekte werden von „Locals“ geleitet. Sie und unsere RGV Teams im Land können am besten einschätzen, welche Hilfe wo gebraucht wird.

  • Wir bereiten dich umfassend auf deinen Auslandsaufenthalt vor – mit einer persönlichen Beratung, der Bereitstellung von Infomaterial zur Reisevorbereitung, interkulturellen Vorbereitungsseminaren in Deutschland und Einführungsveranstaltungen in deinem Zielland. So möchten wir eine reflektierte und sinnvolle Freiwilligenarbeit sowie eine Sensibilisierung für postkoloniale Denkweisen ermöglichen.

Mit deiner Unterstützung als Volunteer möchten wir einen kleinen, aber wertvollen Beitrag zur Verbesserung lokaler Situationen in unseren Zielländern in Afrika und Asien leisten. Dabei ist uns besonders wichtig, dass wir gleichberechtigt zusammenarbeiten und gemeinsam mit dir den Abbau postkolonialer Denkweisen vorantreiben

Hier erfährst du mehr zum Thema, wie du als Freiwillige/r postkoloniale Denkweisen vermeiden kannst! 

Autorin: Janina Gurlitt / Svenja Walter, Oktober 2017