Traumfabrik Nollywood: Ein Ausflug in die afrikanische Filmindustrie

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Die nigerianische Filmindustrie

Werfe einen Blick hinter die Kulissen!

Wie die Hollywood-Filme bei uns, beeinflussen Nigerias Filme die Kultur in vielen afrikanischen Ländern. Somit ermöglichen sie dir nicht nur einen Einblick in Afrikas beliebtestes Entertainment, sondern stimmen dich auch auf dein Afrika-Abenteuer ein!

Unsere Kinos sind voll mit Hollywood-Blockbustern, wir schauen amerikanische Serien auf Netflix und bestimmt kennst du Filme, die in Afrika spielen, mit schönen Landschaften, wilden Tieren und armen Kindern. Dabei gibt es auch Filme „Made in Africa“ von afrikanischen Produzenten, mit afrikanischen Stars und vor allem afrikanischen Drehbüchern – und zwar jede Menge. Die Filme kommen vor allem aus Nigeria, genauer gesagt aus Nollywood.

Zwar ist der Name angelehnt an die große Traumfabrik Amerikas, doch Nollywood produziert jährlich deutlich mehr Filme als Hollywood und ist inzwischen die zweitgrößte Filmindustrie der Welt, hinter Bollywood in Indien. Was Hollywood bei uns ist, ist Nollywood in vielen afrikanischen Ländern, z.B. in den RGV Zielländern Ghana, Südafrika oder Tansania. Nollywood ist ein afrikanisches Phänomen - mit seinen eigenen Geschichten, Stars und Preisverleihungen. Deshalb - und weil die Filme eine tolle Einstimmung auf deine Zeit in Afrika sind - stellen wir dir die nigerianische Filmindustrie etwas genauer vor.

Der Stoff, aus dem afrikanische Filme gemacht werden

Auch in Nigeria, Ghana oder Südafrika gibt es Hollywood-Filme in den Läden zu kaufen, sogar günstiger als die nigerianischen Filme, doch sie bleiben meist in den Regalen stehen. Die Filme aus Nollywood sind beliebter, weil sie das Leben der Menschen in Afrika treffender darstellen. Sie erzählen Geschichten aus dem Alltag. Es geht um Liebe, Familienkonflikte und Betrug, aber eben auch um Stammesloyalität, Magie und Modernisierung. Auf jeden Fall wird viel gelacht und viel gestritten, wie zum Beispiel in „A Rich Man Pretending To Be Poor“. Die Regisseure und Schauspieler wissen, wie sie ihr afrikanisches Publikum am besten erreichen.

Dazu haben sie allerdings weit weniger Budget zur Verfügung als die Hollywood-Produzenten. Die meisten nigerianischen Filme kommen mit weniger als 25.000 US$ aus und werden innerhalb von zwei Wochen gedreht. Zum Vergleich: Der Film „Hangover“ gehört mit einem Budget von 35 Millionen Dollar zu den günstigeren Filmen in Hollywood. Stromausfälle und die schlechte Infrastruktur in Lagos wirken sich nach wie vor auf die Qualität der Filme aus. Das beklagen auch Stars der nigerianischen Filmszene wie Olu Jacobs, ein Nollywood-Urgestein. Er hat seine Ausbildung an der britischen Royal Academy of Dramatic Arts gemacht. In den 1980er-Jahren kam er jedoch in seine Heimat Nigeria zurück, denn der Markt für nigerianische Filme war groß. Und das, obwohl immer wieder improvisiert werden muss und das Bild manchmal wackelt, weil das passende Kamerastativ fehlt.

Nollywood boomt

Seit dem Ende der 1990er-Jahre ist in Nigerias Hauptstadt Lagos eine Filmindustrie entstanden, die ungefähr 2000 Filme pro Jahr produziert. Die meisten Filme werden nach wie vor nicht für die große Leinwand gedreht, denn viele Kinos gibt es nicht. Die Filme laufen im afrikanischen Fernsehen und verkaufen sich vor allem auf Video-CDs beim Straßenhändler, von Nigeria bis in die Karibik nach Jamaika. Im RGV Zielland Ghana beispielsweise kannst du die Nollywood-Filme kaum übersehen. Viele ghanaische Schauspieler arbeiten in Nollywood und es gibt enge Kooperationen mit Ghanas eigener Filmindustrie.

Afrikaner, die außerhalb Afrikas leben, schauen die Filme auf YouTube oder iROKOTV, dem nigerianischen Netflix. Früher mussten die Produzenten nach der Veröffentlichung ihres Films hoffen, möglichst viele Video-CDs in den ersten zwei Wochen zu verkaufen, bevor sich die ersten Raubkopien verbreiteten. Nun können Produzenten die Filmrechte zusätzlich an die Streaming-Plattform verkaufen, was mehr Einnahmen ermöglicht und somit eine bessere Qualität der Filme.
In den letzten Jahren werden in Filmstudios in Lagos immer hochwertigere TV Serien und Nollywood-Blockbuster produziert. In der Dramaserie „Before 30“ zum Beispiel spielen vier moderne Frauen in Lagos die Hauptrollen. Es geht um ihre Wünsche und Ziele und um das Heiraten vor dem 30. Lebensjahr. Das Budget für diese Produktionen ist deutlich größer, es gibt Filmtrailer und sie gewinnen Preise bei den Africa Movie Academy Awards (AMAA), die einmal im Jahr in Lagos verliehen werden.

Auf dem roten Teppich

Dieses Jahr hat der senegalesische Film „Félicité“ in sechs Kategorien der AMAA gewonnen und übrigens auch den Silbernen Bären auf der Berlinale 2017. Einen besonderen AMAA erhielt der nigerianische Schauspieler Nkem Owoh für sein Lebenswerk. Verschiedene Generationen sind schon mit seinen Komödien aufgewachsen, zum Beispiel „Osuofia in London“, einer von Nollywoods Bestsellern. Neben seiner Schauspielkarriere hat Nkem Owoh eine der ersten Filmakademien in Lagos gegründet und fördert dort junge Talente aus ganz Afrika.

In einem Interview erzählt er von seinem persönlichen Lieblingsfilm. An den Namen des Films kann er sich nicht mehr ganz erinnern, er brachte auch nicht allzu viele Dollar ein, aber er erzählt und spielt in diesem Film eine Geschichte, die ihm seine Großmutter immer erzählt hat: Es geht um die Gier nach Macht, die sogar das Schicksal eines ganzen Volkes zerstört – ein offensichtlich zeitloses Thema und wie viele andere ein Film mit Erziehungscharakter und viel Humor.
Es gäbe noch viele Nollywood-Stars und Charaktere zu nennen, aber am besten schaust du selbst: Licht aus und Vorhang auf oder wie in Afrika mit dem Smartphone auf YouTube, wenn die Internetverbindung es zulässt.
Wir wünschen gute Unterhaltung und viel Spaß beim Film!

Autorin: Svenja Walter, RGV Redaktion, November 2017